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Ethnologie in Halle

Mit der Ethnologie hat die MLU kein junges Fach eingeführt. In Leipzig ist die Ethnologie seit 1914 institutionalisiert. 1919 erteilte die Philosophische Fakultät der Universität Halle dem später berühmt gewordenen Richard Thurnwald (1869-1954) die Venia Legendi für die Fächer Ethnologie und Völkerpsychologie. Nachdem Thurnwald 1922 nach Berlin ging, scheint es bis heute allerdings keine weiteren Initiativen gegeben zu haben.

Gleichwohl steht die Neugründung von 2002 in aktuellen Kontexten. Die Auseinandersetzungen mit Gesellschaften und Kulturen außerhalb Europas und Nordamerikas haben andere Bedeutungen und Brisanzen gewonnen. Neue Formen der Globalisierung, der Herausbildung einer Weltgesellschaft mit transnationalen Netzwerken und einer umfassenden Mediatisierung werfen neue Fragen nach dem Universalen, dem Anderen, dem Fremden und der Differenz auf. Damit hängt auch die aktuelle Forderung zusammen, von anderen Kulturen zu lernen und die Sichtblenden der euro-amerikanischen Kulturen über den Umweg über das Fremde bewusst zu machen. Bemühungen zur Entschärfung von Konflikten und Katastrophen stehen ebenfalls im Spannungsfeld zwischen notwendigen Interventionen in intolerable Fehlentwicklungen auf der einen und hegemonialen Standardisierungen auf der anderen Seite. Der klassische Fächerkanon der Philosophischen Fakultät wird durch die Ethnologie für diese neuen Herausforderungen gestärkt.

In diesen allgemeinen Trend gehört auch die Tatsache, dass die Max-Planck-Gesellschaft 1998 ein «Institut für ethnologische Forschung» gegründet hat. Da die Standortwahl auf Halle fiel, zog die Universität mit der Unterstützung der Landesregierung nach und gründete ihrerseits das neue «Institut für Ethnologie». Zusammen mit der Ethnologie der Universität Leipzig und dem dortigen Museum bietet Mitteldeutschland damit überraschenderweise eine außergewöhnliche ethnologische Forschungslandschaft mit einem hohen internationalen Entwicklungspotential. Das Institut für Ethnologie der MLU ist regional und thematisch komplementär zum Institut für Ethnologie der Universität Leipzig ausgerichtet und wird in enger Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung entwickelt.

Manche Beobachter fragen sich, was genau «Ethnologie» heute bedeutet oder in Halle sein soll. Mehr noch als für ihre Nachbardisziplinen ist es für die Ethnologie tatsächlich schwer geworden, ihr Geschäft unstrittig zu definieren. Bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts konnte man sagen, dass die Ethnologie vormoderne, außereuropäische Formen der Vergesellschaftung untersucht. Diese Formen klassifizierte sie nach ethnischen bzw. nationalen Kategorien und analysierte sie anhand von Fragen, wie sie die übrigen Geistes- und Sozialwissenschaften an die Gesellschaften Europas richteten. Diese einfache Arbeitsteilung funktioniert aus mehreren Gründen heute nicht mehr ohne weiteres.

Zum einen sind die Geistes- und Sozialwissenschaften heute nicht mehr auf Euro-Amerika  beschränkt. Zum anderen ist die Ethnologie schon länger wieder «nach Hause» zurück gekehrt. Die Ethnologie lässt sich auch nicht mehr durch den Gesellschaftstypus «vormodern» abgrenzen, weil sie eben auch Phänomene moderner, ausdifferenzierter Gesellschaften untersucht bzw. weil jede  zeitgenössische Gesellschaft, egal wie «abgelegen» sie sein mag, in globale  Verflechtungen eingebunden ist. Die wachsende Schwierigkeit, Disziplinen nach ihren Gegenständen auseinander zu halten, führte in den letzten fünfzig Jahren dazu, dass eher methodische und theoretische Fragen die Unterscheidungen ausmachen.

Methodisch gehört die Ethnologie zunächst in den Reigen der qualitativen, interpretativen Sozial- und Geisteswissenschaften. Innerhalb dieses Reigens setzt sie sich vor allen Dingen durch ihre theoretische Leitfrage ab: Wie ist es möglich, unzugängliche Alienität (Fremdheit) in nachvollziehbare Alterität (Andersheit) zu übersetzen, ohne das Fremde dabei zu verlieren? Auf der ethnologischen Suche nach geeigneten Wegen locken mindestens drei Versuchungen. Die eine besteht in der Verherrlichung fremder Lebensformen. Die andere ergibt sich aus der ebenfalls wohlmeinenden Neigung, außereuropäische Gesellschaften als Nachzügler zu betrachten, denen auf die Sprünge geholfen werden muss. Die unwiderstehlichste Versuchung ergibt sich aber aus dem Bestreben, den beiden ersten Versuchungen durch mehr Distanz und Objektivität zu entkommen. Doch gerade auf diese Weise verliert man die ungeahnten Horizonte, die das Fremde eröffnen kann, leicht aus dem Blick. Der geschickte Umgang mit diesem Paradox ist das Geschäft der Ethnologie.

Die thematischen Orientierungen der beiden Lehrstühle am Institut lauten:

Rottenburg: Recht, Organisation, Wissenschaft und Technik

Schnepel: Diaspora, Migration, Trans

Schließlich ist es weiterhin nicht ganz falsch, die Ethnologie auch über ihre regionale Ausrichtung zu definieren. Ihre konkrete Arbeit – die Ethnographie – bezieht sich weiterhin, wie seit ihren Anfängen, auf konkrete Regionen. Am Institut für Ethnologie der MLU sind zur Zeit die Regionen Afrika (Rottenburg) sowie Südasien und Indischer Ozean (Schnepel) vertreten.

Text aus: http://www.ethnologie.uni-halle.de/institut/profil.htm

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